Logo

Das große Interview

„Ich dachte, ohne Mikrofon höre mich niemand mehr.“

Annemarie Vogelsang über das Ende der Bühne, die Angst vor der Stille und die Frage, wer sie ist, wenn niemand mehr zuschaut.

Einleitung

Einunddreißig Jahre lang war Annemarie Vogelsang das vertraute Gesicht der Abendnachrichten. Millionen Menschen in Deutschland ließen sich von ihrer ruhigen Stimme durch Wahlnächte, Krisen und Jahreswechsel begleiten. An einem Freitag im Frühjahr sprach die heute 67-Jährige ihren letzten Satz in die Kamera – und stand danach, wie sie sagt, „in einem Flur ohne Türen“.

Was folgte, war kein selbstverständlicher Rückzug in den Garten, wie ihn sich viele vorstellen. Es waren Monate voller Schlaflosigkeit, Herzklopfen am Sonntagabend und einer Frage, die sie sich nie zuvor gestellt hatte: Wer bin ich ohne meine Rolle? Heute leitet sie einen Lesekreis in ihrer Nachbarschaft, engagiert sich in einem Verein für Vorlesepatenschaften und schreibt an ihrem ersten Buch.

Wir haben sie in ihrem Haus am Rand einer norddeutschen Kleinstadt besucht – bei Tee, Zeit und ungewöhnlich wenig Eile. Es wurde ein Gespräch über Abschied und Anfang, über Angst und Mut und darüber, was bleibt, wenn der Applaus verklingt.

Frau Vogelsang, Sie haben jahrzehntelang vor einem Millionenpublikum gesprochen. Wie fühlte sich Ihr letzter Arbeitstag an?

Merkwürdig leicht und gleichzeitig unendlich schwer. Alle haben mir Blumen gebracht, es gab Reden, Tränen, Umarmungen. Ich habe gelächelt, gedankt, und innerlich lief die ganze Zeit dieser eine Satz mit: Und morgen? Als ich nachts nach Hause fuhr, war es still im Auto. Zum ersten Mal seit über dreißig Jahren musste ich am nächsten Morgen um nichts pünktlich sein. Ich habe um sechs Uhr wach gelegen und darauf gewartet, dass jemand anruft und mir sagt, was jetzt zu tun ist. Niemand hat angerufen.

Rückblickend war das der Moment, in dem ich begriffen habe, dass ein Beruf nicht nur eine Aufgabe ist, sondern ein Gerüst. Es hält Sie aufrecht, ohne dass Sie es merken – bis es plötzlich weg ist.

Sie sprechen offen über Angst. Wann ist sie zum ersten Mal aufgetaucht – vor oder nach dem Abschied?

Lange davor, aber ich habe sie nicht Angst genannt. Ich habe sie Terminstress genannt, Müdigkeit, Vorfreude. Etwa zwei Jahre vor dem Abschied bekam ich sonntagabends Herzklopfen, obwohl ich mir den Ruhestand doch eigentlich gewünscht hatte. Ich habe mir eingeredet, das sei ganz normal. Erst als ich nach dem letzten Tag mitten in der Nacht mit zitternden Händen in der Küche stand, habe ich das Wort zugelassen. Es war eine diffuse Angst: Was, wenn ich nicht mehr gebraucht werde? Was, wenn ich langweilig werde, wenn die Tage leer sind?

Meine Hausärztin hat mir damals zugehört, ohne mich in eine Schublade zu stecken. Sie sagte: „Das ist kein Versagen, das ist ein Umbruch.“ Dieser Satz hat mir mehr geholfen als jede Beruhigung.

Was hat sich in dieser Zeit an Ihrem Selbstbild verändert?

Ich habe gemerkt, wie sehr ich mich über andere definiert hatte. Ich war „die aus dem Fernsehen“. In den ersten Wochen wurde ich im Supermarkt noch erkannt, später immer seltener. Das hat mich getroffen, mehr als ich zugeben wollte. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich absichtlich lauter gesprochen habe, als könne meine Stimme beweisen, dass es mich noch gibt.

Irgendwann habe ich eine Liste geschrieben: Was bin ich, wenn ich alle Titel abziehe? Anfangs standen nur Dinge darauf wie „Mutter“ und „Witwe“. Nach einigen Wochen kamen andere hinzu: „neugierig“, „Gärtnerin mit mäßigem Erfolg“, „Freundin, die zuhören kann“. Ich glaube, Identität ist kein Besitz, den man im Ruhestand verliert. Sie ist etwas, das man neu zusammensetzt – aus kleineren, leiseren Teilen.

Welche Schritte haben Ihnen ganz konkret geholfen, mit der Angst umzugehen?

Drei Dinge, ganz unspektakulär. Erstens Struktur. Ich habe mir eine Wochenordnung gebaut, mit festen Ankerpunkten: dienstags Spaziergang mit einer Nachbarin, donnerstags Lesekreis, samstags Markt. Das klingt banal, aber ein fester Rhythmus nimmt dem Kopf die Weite, in der die Sorgen wachsen.

Zweitens habe ich über die Angst gesprochen. Zuerst mit meiner Tochter, dann in einer Gesprächsgruppe. Dort saßen ein ehemaliger Bauleiter, eine Lehrerin, ein Landwirt. Niemand hat mich erkannt, und das war wunderbar. Wir hatten alle dieselbe Frage. Drittens habe ich mir erlaubt, Hilfe anzunehmen. Ich habe einige Gespräche mit einer Psychologin geführt. Das hätte ich früher für eine Schwäche gehalten – heute halte ich es für eine der klügsten Entscheidungen meines Lebens.

„Ein fester Rhythmus nimmt dem Kopf die Weite, in der die Sorgen wachsen.“

Annemarie Vogelsang
Cozy reading corner with an armchair, open book and cup of tea next to a sunny window

Viele fürchten die Leere nach dem Berufsleben. Wie gehen Sie heute mit Ihrer Zeit um?

Anfangs habe ich versucht, sie zu füllen, wie man einen Koffer füllt: bis nichts mehr hineinpasst. Das war ein Fehler. Ich habe jeden Tag verplant und war abends erschöpfter als früher. Dann habe ich gelernt, Zeit nicht zu bekämpfen, sondern zu gestalten. Heute gibt es Tage, an denen ich nichts vorhabe – und ich nenne das nicht mehr Leere, sondern Raum.

Engagiert habe ich mich im örtlichen Verein für Vorlesepatenschaften. Einmal die Woche lese ich in einer Grundschule Kindern vor. Die sind gnadenlos ehrlich: Ein Junge sagte mir einmal, ich betone zu viel. Ich habe selten so gelacht. Gebraucht zu werden, ohne bewundert zu werden, ist eine tiefe Form von Zufriedenheit.

Wie haben sich Ihre Beziehungen zu Familie und Freunden verändert?

Sie wurden ehrlicher. Als ich noch im Studio war, hatte ich immer eine Entschuldigung: keine Zeit, Dienst, Termin. Meine Tochter hat mir irgendwann gesagt, sie habe sich an meinen Kalender gewöhnt wie an das Wetter. Heute koche ich sonntags für die Familie, und es gibt endlose Diskussionen darüber, wie man Rotkohl richtig macht. Ich genieße jede einzelne.

Ich habe aber auch erlebt, dass Freundschaften, die nur über den Beruf bestanden, still verschwinden. Das tut weh. Gleichzeitig sind neue entstanden, mit Menschen, die sich für mich interessieren und nicht für meine Vergangenheit.

Was würden Sie jemandem raten, der kurz vor dem Ruhestand steht und sich davor fürchtet?

Fangen Sie früher an, als Sie denken. Nicht mit dem Aufräumen der Schränke, sondern mit der Frage, was Sie ausmacht, wenn der Titel wegfällt. Probieren Sie Dinge aus, solange Sie noch einen Arbeitsalltag haben, der Sie hält: einen Verein, ein Ehrenamt, eine Gruppe. Und sprechen Sie darüber. Die Angst verliert viel von ihrer Macht, wenn sie ausgesprochen wird.

Und seien Sie nachsichtig mit sich. Man wird nicht über Nacht zum entspannten Ruheständler. Ich habe gut zwei Jahre gebraucht, um mich in meinem neuen Leben zuhause zu fühlen. Das ist keine verlorene Zeit, das ist der Weg.

Zum Schluss: Wenn Sie heute Abend die Nachrichten sehen – was empfinden Sie?

Zuneigung, ehrlich gesagt. Ich schaue meiner Nachfolgerin zu und denke: Mach es gut, lass dir Zeit, bleib neugierig. Und dann schalte ich aus, gehe in den Garten und höre den Amseln zu. Früher hätte ich das für das Ende gehalten. Heute weiß ich: Es ist mein Anfang.

Zum Schluss

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Annemarie Vogelsangs Weg erinnert daran, dass der Übergang in den Ruhestand viel mehr ist als ein Datum im Kalender. Er rührt an Fragen nach Zugehörigkeit, Wert und Richtung – und er darf Angst machen. Das Bemerkenswerte an ihrer Geschichte ist nicht, dass sie die Unsicherheit besiegt hätte, sondern dass sie ihr Raum gegeben, darüber gesprochen und sich Schritt für Schritt neu zusammengesetzt hat.

Wenn Sie sich in einem ihrer Sätze wiedergefunden haben, sind Sie nicht allein. Struktur, Gespräche und Gemeinschaft können tragen, auch wenn der Boden zunächst wankt. Und manchmal beginnt das neue Kapitel mit einer ganz kleinen Handlung: einem Anruf, einem Spaziergang, einer ehrlichen Antwort auf die Frage „Wie geht es Ihnen wirklich?“.